Bürgerschaftsabgeordneter für Lokstedt, Niendorf und Schnelsen | Wissenschaft & Digitale Wirtschaft

Als Junge Union haben wir uns das Ziel gesetzt, die Krise Europas als Chance zu begreifen. Doch wie vermittelt man nun die Vorteile eines zusammenwachsenden Europas? Was hat Hamburg davon und wie muss der Blick nach vorne aussehen?

Ende Juli lud die Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema „Migration in Europa“ zur Summer Academy nach Klaipeda in Litauen. Rund 40 junge Teilnehmer aus den drei baltischen Staaten, Polen und sogar aus Weißrussland diskutierten drei Tage über die Vor- und Nachteile des freien Personenverkehrs im Europäischen Binnenmarkt. Als deutscher Teilnehmer brachte ich mich mit einem Vortrag zum Thema „Gastarbeiter 2.0“ in die Diskussion ein. Unsere junge Generation ist so gut qualifiziert und so mobil wie keine andere zuvor. Auch sprachlich wachsen wir deutlich vielfältiger auf, als noch unsere Eltern und Großeltern. Doch leider versäumt es die Politik bislang, diese gegebenen Vorteile auch tatsächlich zu nutzen.

Derzeit haben wir in Litauen eine Jugendarbeitslosigkeit von über 30%, in Spanien sogar von über 52%, EU-weit sind es immer noch traurige 22,6%. Meist gut qualifizierte junge Talente ohne eine Chance auf Arbeit. Dabei sind die Jobs da, nur nicht dort, wo die Menschen sind. Viele Jobs, in alten und neuen Branchen, stehen offen. Die deutsche Wirtschaft beklagt dagegen seit Jahren einen zunehmenden Fachkräftemangel und verzeichnet derzeit die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Ein Hamburger Unternehmer sagte kürzlich sogar zu mir: „ich würde wirklich jeden für unsere Ausbildungsplätze nehmen, aber es ist einfach niemand mehr da.“ Deutschland fehlen derzeit beispielsweise über 90.000 Ingenieure, in Hamburg sucht die ohnehin sehr international aufgestellte Games-Branche nach immerhin 500 neuen Arbeitnehmern.

Die deutsche Politik erkennt langsam die sich bietenden Chancen, doch muss Hamburg als weltoffene Metropole noch viel stärker in die Offensive gehen. Es fehlen bislang konkrete Programme, um Europas arbeitssuchende Jugend für Hamburg zu begeistern, sie bei anfallenden bürokratischen Hürden, bei der Wohnungssuche und bei der Überwindung von Sprachbarrieren zu unterstützen. Der Hamburger SPD-Senat sollte Arbeitsagentur und Hamburg Marketing beauftragen, hier tätig zu werden. Gastarbeiter sind heute, so schreibt es das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, meist besser qualifiziert als lokale Arbeitnehmer. Eine neue Qualität und nicht vergleichbar mit Anspruch und Ziel der Gastarbeiter-Programme früherer Jahrzehnte.

Eine zunehmende Arbeitnehmerwanderung junger Talente quer durch Europa würde gleich fünf zentrale Vorteile mit sich bringen: Das Wirtschaftswachstum in Deutschland und Europa würde gefördert, die Produktivität gesteigert, demographische Probleme reduziert und der Druck auf die sozialen Kassen der von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Staaten gemindert. Schließlich kann es doch kaum ein besseres Mittel geben, um die Vorteile der EU zu spüren, als sie selbst zu leben und zu erleben.

Dieser Brain-Cycle, also die Wanderung qualifizierter Arbeitskräfte auf Zeit, entspräche ganz dem europäischen Gedanken von Adenauer, Schumann und Monet. Er wäre spürbar für jedermann, greifbar und von Nutzen für alle. Kleinen und mittleren Unternehmen fehlt es oft an Ressourcen, selbst im Ausland auf die Suche nach den passenden Fachkräften zu gehen. Insbesondere der Hamburger Mittelstand könnte also profitieren, wenn der SPD-Senat endlich ein  Konzept vorlegen würde, um junge Talente nach Deutschland und an die Elbe zu bewegen. Eine große Aufgabe, der sich die Politik endlich stellen muss.

Foto (eigene Aufnahme): Ein Frachtschiff verlässt den Ostseehafen von Klaipeda in der Abendsonne mit Kurs gen Westen.